Die Arbeitsethik der Zukunft für die Zukunft der Arbeit: Warum wir Arbeit 4.0 auch ethisch aushandeln müssen

Wo wollen wir hin mit unserer Arbeit? Ist Ihre Digitalisierung nur eine Frage der Machbarkeit oder doch von lebenspraktischer Nützlichkeit?

Die Antwort erhalten Sie, wenn Sie zehn Sekunden darüber nachdenken, was Arbeit für Sie bedeutet; was sie für Sie leistet und welchen Wert sie in Ihrem Leben hat.

Und schon ahnen Sie etwas von den normativen Implikationen von Arbeit; von ihrer Bedeutung für gelingende Lebensführung, was Sie schließlich auf die ethischen Herausforderungen ihrer Digitalisierung und ihres Wandels bringt. Da ist sie schon, die Frage nach einer Arbeitsethik 4.0.

Aber der Reihe nach:

Weil die Ansprüche, die wir in der Arbeitsgesellschaft an Arbeit stellen, zuallererst und im Kern normativer Natur sind – was den ökonomischen Wert von Arbeit und den Anspruch auf Subistenzsicherung ausdrücklich einschließt  – , muss auch die Auseinandersetzung mit Digitalisierung entsprechend aussehen und hierauf fokussieren:

Mittels Erwerbsarbeit verdienen wir in der Regel unseren Lebensunterhalt, sie stellt Kooperations- und Anerkennungsbeziehungen her und arrangiert den besonderen monetären und nicht-monetären Leistungsaustausch, der für unsere Gesellschaft als Arbeitsgesellschaft nach wie vor konstitutiv und tragend ist.

Wo nun die Digitalisierung (zusammen mit anderen Motoren des Wandels) Arbeit neu organisiert und sie als ökonomische Wertschöpfungspraxis und Kooperations- und Beziehungsform verändert (denn das ist es, was Digitalisierung von Arbeit im Kern bewirkt und bedeutet), muss Arbeit in dieser, d.h. in normativer Hinsicht, eben nicht, wie es in der Debatte gern heißt, neu verortet und bewertet werden; vielmehr muss sich ihre Gestaltung unseren unhintergehbaren Ansprüchen an Arbeit verpflichten. Grundlage dessen ist in verständnisschaffender und gestaltender Absicht eine Arbeitsethik, die die Rolle von Arbeit und die Kennzeichen ihres Wandels kennt; gewissermaßen eine Arbeitsethik 4.0.

Vor den Delegierten des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Forderung nach einer Ethik der Digitalisierung in die öffentliche Debatte eingebracht und insbesondere die Notwendigkeit einer Ethik digitalisierter Arbeit als Arbeits- und gesellschaftsgestalterische Herausforderung betont: Es gehe darum, die sich wandelnde Arbeitsgesellschaft zu gestalten und „in der neuen Arbeitswelt […] erkämpfte Arbeitnehmerrechte“ zu verteidigen und zu erneuern.

Das Alte, Verbindliche soll also im Neuen bewahrt werden. Jedoch: Was ist dieses Alte, die Rolle und Funktion von Arbeit und was und wieviel können oder wollen wir davon in Arbeit 4.0 schützen? Im Fundieren einer Arbeitsethik 4.0 lässt sich eine Antwort darauf finden.

Arbeitsethik 4.0 in der Theorie

Denn: Als ganz bestimmte Bereichsethik geht es der Arbeitsethik um die Rolle von Arbeit für gelingende Lebensführung und um die dieser entsprechenden Bedingungen ihrer Gestaltung. Das macht eine Arbeitsethik so anspruchsvoll wie aussichtsreich: In einem Schritt bildet sie unsere Ansprüche an Arbeit und unser Verhältnis zu ihr ab und ist beiden gegenüber kritisch, weil sie beide, d. h. die gegenwärtige Gestalt von Arbeit, an ihrer unhintergehbaren Funktion und Rolle prüft. Sie kann zeigen, wie es ist und sein sollte.

Theoretisch gesprochen verhandelt Arbeitsethik also die normative Relevanz von Arbeit, zugleich geht sie von ihr, bildet sie ab und fordert ihre Verwirklichung ein. Bei der Neubewertung von Arbeit im Wandel der Formulierung einer Arbeitsethik 4.0 deshalb unbedingt bewusst und präsent sein muss der maßgebende Gehalt einer Arbeitsethik als solcher; ihre Qualität und Quantität als beschreibendes, erkennendes und kritisches Instrument.

Die Schwierigkeit und der Gewinn bei der Formulierung einer Arbeitsethik bestehen dann darin, dass wir das, was wir als Arbeitsethik der Auseinandersetzung mit Arbeit zugrunde legen wollen, lediglich formal festschreiben können. Inhaltlich muss eine Arbeitsethik als solche offen bleiben, um ihrem eigenen Anspruch entsprechend kritisch und in dieser Haltung handlungs- oder gestaltungsleitend zu sein: Wo es Arbeitsethik darum geht, die fundierte theoretische Grundlage der kritischen Auseinandersetzung mit den aktuellen Formen von Arbeitsorganisation und Arbeitsgestaltung zu liefern, verhandelt sie sich als Instrument der Kritik an Arbeitsverhältnissen gewissermaßen selbst immer wieder neu, indem sie diese Verhältnisse an ihrem eigenen Begriff gelingender Lebensführung prüft und daraus konkrete Normen oder Beschreibungen guter Arbeit entwickelt.

Arbeitsethik 4.0 in der Praxis

Unbedingt aufklären und beinhalten muss sie deshalb auch die Einflüsse, unter denen Arbeit steht und die von Arbeit ausgehen. Eine aktuelle Arbeitsethik, die lediglich die Wirkungen der Digitalisierung verhandelt, würde zu kurz greifen. Zwar befeuert und prägt die Digitalisierung den Wandel entscheidend, letztlich ist sie aber – neben Globalisierung, Migration und demografischen und kulturellen Wandlungsprozessen  –  bloß Teil davon.

So ist etwa gerade der Wegfall von arbeitsinduzierten Bindungen und Verbindlichkeiten, der digitalisierte Arbeitsorganisation oft kennzeichnet, vor dem Hintergrund der Bedeutung von Arbeit für die Lebensführung zuallererst eine ethische und schließlich sozialpolitische Herausforderung; eine fundierte Arbeitsethik als Ausgangspunkt deshalb hier unbedingt gefragt. Ihre Perspektive, d. h. ein normativ gerichteter, offener Blick, offenbart nicht nur die Widersprüche der neuen Organisationsformen, sie bekräftigt auch, dass diese Widersprüche und mithin die Rolle von Arbeit in normativer Hinsicht im Fokus der Auseinandersetzung mit Arbeit 4.0 stehen müssen:

Subjektiviert, entgrenzt und flexibilisiert, erfüllt Arbeit in ihrer gegenwärtigen Gestalt weder den neuen Anspruch nach individueller Selbstverwirklichung, noch den alten, für die Formation der Arbeitsgesellschaft eigentlich verbindlichen Anspruch nach sozialer Absicherung und Integration. Auch in den Bereichen Gesundheit und soziale Gerechtigkeit hat Arbeit im letzten Jahrzehnt deutlich an Qualität eingebüßt: Immer öfter etwa wird Arbeit für psychische Erkrankungen verantwortlich gemacht; ständige Erreichbarkeit oder Unterbrechung der Arbeit durch fortlaufend eintreffende Nachrichten und Aufträge haben die Arbeitsbelastung tatsächlich und in der subjektiven Wahrnehmung enorm gesteigert. Trotz Mindestlohn garantiert eine Vollzeitbeschäftigung heute kein existenzsicherndes Einkommen.

Bereits dieses enge Schlaglicht auf die Probleme und Risiken des Wandels und der Digitalisierung von Arbeit erhellt, dass die Herausforderungen dieser Neuformation zu einer Arbeit 4.0 normativer und dann freilich auch ethischer Natur sind. Folglich hat die Debatte darum sich unbedingt ethischen Fragen zu stellen: Der Qualität und Rolle von Arbeit entsprechend in einem interdisziplinären Austausch, in dem Theorie und Praxis gemeinsam eine Arbeitsethik 4.0 aushandeln; für eine gute, aneignungsfähige und starke Arbeit 4.0.

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