Arbeit in der Selbstverwirklichungskrise

Eine zeitgenössische Tragödie in fünf Akten

 

Tobias will die Welt verändern. Zukunft gestalten. Er hat so viele Ideen! Und hohe Ansprüche an sich selbst. Sein Geld verdient er in verschiedenen Projekten auf Honorarbasis. Die meisten davon hat er selbst initiiert, kümmert sich um Entwicklung, Management, Finanzierung, Verlängerung.  Er findet es toll, nicht für irgendein Unternehmen zu arbeiten, sondern für sich. So kann er sich weiterentwickeln; dafür arbeitet er gerne auch mal länger und am Wochenende und nimmt ein vergleichsweise niedriges Einkommen in Kauf.

Tobias ist eine Kunstfigur. Montiert aus den Aussagen junger Podiumsgäste einer sogenannten Karriereveranstaltung an einer deutschen Universität und freien Textzitaten des Theaterstücks „X-Freunde“ der Autorin Felicia Zeller. Gewissermaßen ist Tobias also ein Kurzschluss; widerstandsarm und Funken schlagend knipst er unabsichtlich ein Selfie der Generation Beißschiene.

So nennt Felicia Zeller die dramatisch vorgeführten Verwechsler von Selbstverwirklichung und Selbstausbeutung: Ihre Hauptfigur Anne kündigt ihre Stelle in einer Agentur und gründet eine Unternehmensberatung mit ethischem Anspruch. Sie will soziale Utopien verwirklichen, eine neue Arbeitskultur schaffen. Sie will ihre Möglichkeiten nutzen und sich neue eröffnen. Sie lässt nichts los und verliert nichts aus den Augen. Außer sich selbst und die Menschen, die ihr eigentlich mal wichtig waren.

Rücksichtslos verknotet und spoilert Felicia Zeller hier quälend reale Erzählungen. Es sind unsere eigenen; und das Nagelbrennen, Herzklopfen und Kopfgewitter, das sie verursachen, ist keineswegs fiktiv. Tobias, Anne, ich und du: Wir sind die Protagonisten der zeitgenössischen Tragödie individueller Selbstverwirklichung. Hätten wir Dostojewskis „Brüder Karamasow“ gelesen, wie wir es ja – eigentlich – schon so lange vorhatten, wären wir vielleicht gewarnt gewesen: „Nichts ist jemals für den Menschen und für die menschliche Gesellschaft unerträglicher gewesen als Freiheit“.

Nun sind wir drin im Theater vermeintlich befreiter Arbeit. Unser Einsatz ist hoch, unsere Verträge sind befristet, unsere Arbeitstage lang, unsere Einkommen schlecht und unsere Bedingungen und Aussichten noch viel schlechter. Sieht so Selbstverwirklichung von innen aus? Anne gesteht sich am Ende ihres Selbstverwirklichungstrips ein, dass sie „niemand“ mehr ist. Dann startet sie sich neu: „Ich liebe die Herausforderung. Und ich habe Erfolg. Und ich zahle den Preis dafür“.

Der Preis, der sich bekanntermaßen aus Angebot und Nachfrage ergibt, ist heiß für die sogenannte Generation Y, die in den letzten und allerletzten Jahren in den Beruf eingestiegen ist. Gut ausgebildet, selbstbewusst und kritisch, wollen wir Millenials der Arbeit nicht mehr alles unterordnen, sondern in erster Linie uns selbst verwirklichen. Dafür braucht es Freiräume, Flexibilität und Optionen. Qualifizierte und gerade kreative Arbeit scheint hier freundlicherweise schrittzuhalten: Sie kommt beweglicher und in weniger umgrenzten Formen daher, kokettiert mit Eigenverantwortung, Gestaltungsspielräumen und Entwicklungsmöglichkeiten und inszeniert sich als Ort von Sinnsuche und Selbstverwirklichung. Da ist die Nachfrage freilich groß, doch wer, wie Anne, den Wert überschätzt, droht abzustürzen wie der arme Kraxelhuber und kann nur noch auf einen Zufallstreffer am Glücksrad hoffen. Wer den Preis überbietet, scheidet aus; wer unterbietet, sowieso. Wenn man so will, hat Arbeit einen doppelten Boden, der im Finanzmarktkapitalismus aber nicht mehr besonders tragfähig ist. Vielmehr macht diese Doppelbödigkeit Arbeit inzwischen nahezu undurchschaubar. Die Verschleierung ist so perfekt, dass wir mühelos darüber hinweggehen; reingelegt fühlen wir uns erst hinterher.

Aber wie lässt sie sich demaskieren, diese neue Arbeit? Lässt sich verstehen, woran wir hier eigentlich leiden und wie wir da wieder heraus kommen? Verfolgen wir gemeinsam unter philosophischem Spot ein dramatisches Erkenntnisstück.

In der Exposition dieses Dramas finden wir uns in einer höchst verwirrenden, ambivalenten Konstellation wieder: Statistisch gesehen arbeiten wir quantitativ weniger als früher und qualitativ oft flexibler und selbstbestimmter, haben aber gleichzeitig häufiger das Gefühl, zu viel und vor allem uns krank zu arbeiten und dafür oft nicht einmal subsistenzsichernd entlohnt zu werden oder unserer Leistung entsprechend sozial abgesichert zu sein. Die unterschiedlichen Nöte, die die gegenwärtige Arbeitsgestaltung erzeugt, bündeln sich in einem gesellschaftlich geteilten, diffusen Unbehagen: Dass dieses Gefühl schlechterdings treffende Wahrnehmung ist, die auf individueller und gesellschaftlicher Ebene berechtigte existenzielle Sorgen zeitigt, offenbart die Belichtung des inneren und äußeren Panoramas von Arbeit: Sogenannte atypische Beschäftigungsformen wie Leih- oder Teilzeitarbeit, geringfügige Beschäftigung oder die mannigfachen Formen von Selbstständigkeit sind seit einigen Jahren wieder rückläufig; nach außen hin formalisiert Beschäftigung sich wieder. Im Innenleben von Arbeit dagegen hat sich diese Zerstreuung manifestiert und jenen doppelten Boden kreiert: Substanziell ist Arbeit gegenwärtig äußerst konfus und bringt in diesem Zustand die Antagonismen hervor, an denen wir realen Versionen von Anne und Tobias uns abarbeiten, weil wir sie weder fassen noch durchschauen können; weil sie nämlich gekonnt verdecken, wer oder was hier eigentlich wem nützt oder nützen kann oder nützen soll.

Konkret: So wenig klar ist, was Arbeit für den Einzelnen und für die Gesellschaft überhaupt leistet, leisten kann oder leisten soll, so wenig klar ist die Bedeutung der sozialwissenschaftlichen Diagnose und phänomenologischen Tatsache flexibilisierter, entgrenzter und subjektivierter Arbeit. Wir können es toll finden, freier zu arbeiten (gerne auch im Homeoffice), uns selbst zu organisieren, mehr Verantwortung zu haben, mehr Kreativität und Persönlichkeit einbringen zu können; zu wirken statt zu werken. Wir können davon aber auch überfordert sein und das Gefühl haben, dass unsere Arbeit in unser Privatleben über- und eingreift. Wir können uns freuen, dass unsere Chefin unsere Kompetenzen und unser Potenzial sieht, schätzt und nutzt; dass unser Engagement und unsere ganz persönlichen Skills gefragt sind. Wir können uns aber auch auf unsere Rolle als menschliche Ressource reduziert und ausgebeutet fühlen und uns fragen, wann es problematisch wird, Individualität ökonomisch zu funktionalisieren. So mancher hat die alten Antennen noch nicht abgeschraubt.

Das Spiel steigert sich und wir erkennen langsam, dass unter den veränderten Imperativen des kapitalistischen Marktes als Bühne unserer Arbeit freilich auch ihr Spiel anders aussieht, sich unsere Maßstäbe ändern müssen. Noch können wir diese Vermarktlichung, die sich da abspielt, nicht recht begreifen; dass Arbeit unter der Regie des Shareholder-Value eben nicht frei agieren kann, sondern von den normativen Prinzipien des Marktes durchdrungen und als Marktinstrument geregelt ist. Unternehmerisches Handeln und mithin Arbeitsorganisation orientiert sich also nicht mehr an den Anforderungen und Bedürfnissen der Beteiligten – etwa den Mitarbeitern, Kunden oder der Weiterentwicklung des Produkts -, sondern an der größtmöglichen Maximierung von Kapital und Cashflow. Praktisch und normativ forciert Vermarktlichung außerdem die Entbettung (Karl Polanyi) und Entdifferenzierung (Max Weber) von Arbeit, die dann einerseits energisch in andere Lebensbereiche übergreift, andererseits flatterhaft kein definitives, verlässliches Wertgerüst mehr anzubieten hat. So neu justiert, werden Arbeitskraft und Arbeitsbeziehungen zum Mittel von weit außerhalb liegenden Zwecken und entsprechend flexibel arrangiert. Die Sorge gilt hier – und das ist das Entscheidende – dem Reaktionsvermögen des Marktes, dem die Arbeitnehmer sich anzupassen haben.  Statt der allgemeinen Subjektivierung des kulturellen Individualisierungsschubs nachzugeben, ist Arbeit in ihrer vermarktlichten Form mehr denn je objektiviert und so gerade nicht als Ort individueller Selbstverwirklichung eingerichtet. Tatsächlich ist es dafür hier äußerst unbequem, wenn von hinten, vorne, oben und unten die kapitalistische Steigerungslogik drängelt.

Die Konfusion ist hausgemacht und perfekt gelungen: Wir suchen Sinn und Selbstverwirklichung in einer Tätigkeit, die gegenwärtig außerhalb ihres eigenen, ökonomisierten Selbst keinen Sinn kennt; die im Gegenteil – so zeigt Hegel und eröffnet damit einen weiten, kritischen Horizont – in ihrer nunmehr hintergangenen, wirklich selbstbewussten, d. h. sich ihres Potenzials bewussten institutionellen Form Ort der Verwirklichung von Freiheit, verstanden als Selbstverwirklichung ist.

So treten nach Hegel nun ganz logisch auf: Sozialwissenschaftler und Philosophen in Geistergewändern, die uns Ichlinge zu Ausflügen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Arbeitsgesellschaft abholen. Sie zeigen uns, dass es hier eigentlich gar nicht um uns geht, sondern um UNS: Dass die Umwertungen von Arbeit, die auf Individualisierung zielen, tragende Sozialstrukturen bis hin zur ihrer Auflösung verflüssigen und also Leiden an Arbeit kein individueller Tatbestand ist und die Gesellschaft als Ganze – eben nicht nur in der Summe ihrer Teile – krankt und dann im Kern brüchig wird.

Gemeint sind soziale Pathologien als Litfaßsäule sozialer Ursachen individuellen Leidens: Ihre Anschläge lassen uns noch angestrengter darüber nachgrübeln, ob freiere Arbeit uns tatsächlich freier werden lässt und ob uns diese vermeintliche Freiheit uns nicht vielleicht doch stärker an das bindet, dem wir eigentlich entkommen wollten: den Imperativen von Ökonomie und Ökonomisierung. Die Diagnose des Soziologen Ulrich Beck lautet jedenfalls, dass unsere Gesellschaft sich durch die Befreiung von Arbeit und Arbeitsverhältnissen zu einer Risikogesellschaft entwickelt hat, in der der Einzelne weniger von der Gemeinschaft getragen wird und stattdessen mehr individuelle Risiken und existenzielle Nöte selbst zu tragen hat. Erweitert man den Focus mit dem französischen Sozialforscher Robert Castel, dann sieht man, wie gewaltig das an die Substanz geht: Prekarisiert werden hier eben nicht nur einzelne und immer mehr Existenzen, sondern die Gesellschaft als Ganze wird zu einem unsicheren Ort, weil ausgerechnet freiere Arbeit den soziale Kompromiss bedroht, der die Arbeitsgesellschaft trägt: In Arbeit wird gewissermaßen – das beschreibt so ähnlich auch Hegel – Notwendigkeit zu Freiheit verformt, indem der Einzelne sich in einer individuell und gesellschaftlich notwendigen Tätigkeit verausgabt und im Gegenzug sozial zugehörig und abgesichert ist. Auf diese Weise lassen sich auch Arbeitnehmer- und Arbeitgeberansprüche aneinander regulieren, indem hier der Wunsch des einen nach durch soziale Sicherheit vermittelte Freiheit das Streben des anderen nach wirtschaftlicher Expansion mäßigt.

Wie es aussieht, ist dieser Kompromiss nicht kompatibel mit den Beschleunigungsimperativen unserer individualisierten Kultur: Wenn am Einlass zur Inszenierung von „Freiheit“ eine Schlange steht, die „Gesellschaft“ heißt, kaufen wir uns ein VIP-Ticket und marschieren freudig durch den Sondereingang. Wir merken nicht, dass das Schlangestehen zum Event gehört. In der Arbeitsgesellschaft ignoriert ein solcher Habitus eine ganz entscheidende Tatsache: Moderne kapitalistische Gesellschaften sind immer noch Arbeitsgesellschaften und in diesen ist gesellschaftliche Teilhabe – das mag man gut finden oder nicht – über Arbeit organisiert. Auf gesellschaftlicher Ebene richtet Arbeit unsere Sozialsysteme, auf individueller Ebene unseren sozialen Status ein. Und auf Kennlern-Ebene bedeutet die Frage „Was machst du?“ so gut wie immer „Was arbeitest du?“. Soziale Pathologien und Leiden an Arbeit sind gerade nicht Ausdruck des Versagens und dann Anordnung zur Ablösung der Arbeitsgesellschaft, sondern zeugen von der immensen Bedeutung von Arbeit als sozialer Tatsache ebenso wie von einem falschen Bewusstsein dessen; von einer falschen Aneignung eines sozialkonstitutiven Faktums, das wir nicht so einfach übergehen können. Wer über Alternativen zur Arbeitsgesellschaft nachdenkt, muss ihre Qualitäten und Funktionen mitdenken. Wer wissen will, ob ein bedingungsloses Grundeinkommen glücklicher machen kann als Arbeit, muss sich darüber klar werden, was Arbeit leistet. Und wer verstehen will, warum die willigen Selbstverwirklicher ausgerechnet unter der Befreiung ihrer Arbeit leiden, muss den Januskopf rundherum besichtigen.

Die moderne Tragödie ist auf ihrem Höhepunkt; Zuschauer und Protagonisten erahnen, dass Masken und Hüllen heute noch fallen werden: Aus Selbstverwirklichung wird Employability, aus Glück umfassende Beschäftigungsfähigkeit; soziale Pathologien werden zum Normalzustand und die kommunitaristischen Kooperierer von der Bühne gejagt. Es sieht so aus, als würde der Markt am Ende dieses Entwicklungsstücks triumphieren, weil er sich ausgezeichnet auf dieses Verwirrspiel versteht: Er inszeniert sich als Kurier des Lohns von Selbsterkenntnis und Selbstentfaltung und präsentiert sogleich die Aufgaben, die hierfür zu erfüllen sind. Wir so Getäuschten merken nicht, dass wir den Erlös längst in Aussicht hatten, bevor der Scharlatan ihn aus der Auslage genommen und sich selbst dort unter einer Tarnkappe platziert hat, um uns seine Verwirklichung als unser eigenes Ziel teuer zu verkaufen. Der bleiche Protagonist hält den entscheidenden, pathetischen Monolog: „Meine Flexibilität sichert die Flexibilität des Marktes, meine Kreativität ermöglicht ihm Innovationen und meine Affirmation bewahrt ihm meine Treue und Opferbereitschaft. Ich folge seinem Fokus auf ICH und verliere die produktive Kraft und tragende Bindungskraft des WIR aus den Augen“.

Hier retardiert die Handlung und wir machen weiter die einzige Selbsterfahrung, die die Arbeitsgesellschaft gegenwärtig zu bieten hat: Die Erfahrung, was es heißt, sich buchstäblich abzuarbeiten. Unterdessen müssen wir unser Stück um die Befreiung von Arbeit voranbringen, denn es steuert geradewegs auf die Katastrophe zu. Transformation nennt Hegel das idealistisch und meint damit, dass der Wandel von Arbeit und Arbeitsgesellschaft noch nicht abgeschlossen ist; dass wir es also noch in der Hand haben, gerade weil die Krise gerade so schön brodelt. In dieser Krise als Krise ist der gezeigte Widerspruch zwischen unseren Selbstverwirklichungsansprüchen und denen des Marktes gewissermaßen produktiv geworden, vielleicht, um unsere Auffassung von Arbeit geradezurücken.  Gerade meint hier: Im angemessenen Winkel zu jenen widerstreitenden Ansprüchen und den Bedingungen einer funktionierenden, d. h. lebenswerten Gesellschaft. Will man Arbeit als gesellschaftlich und individuell relevante Institution und Praxis adäquat einrichten, muss man jeden ihrer Bezüge einkalkulieren und würdigen, also auch die noch divergierenden Selbstverwirklichungsansprüche. Dann ist das, was die Krise verursacht hat, Mittel zu ihrer Lösung – vorausgesetzt, wir können es zähmen.

Da bietet so eine Krise doch gleich ein viel schöneres Panorama, wenn sie sich anbietet, eine neue Arbeitsgesellschaft hervorzubringen, in der wir uns dann wirklich mal selbst verwirklichen können. Wir können kurz unsere Schultern lockern und unsere Beißschienen lüften. Dann werden aber bitte schnell die Kompetenzen aktiviert, die jetzt gefragt sind: Opferbereitschaft, Gestaltungswille, Kreativität, Teamarbeit, Flexibilität – und Selbstgewissheit. Der Vorhang bleibt offen.

 

„X-Freunde“ von Felicia Zeller © henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag Berlin GmbH

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